Ihr kennt das. Einmal quer über den Bahnhofplatz laufen kostet. Hier wird musiziert, dort für ein Projekt gesammelt. Andere schnorren sich strategisch gut neben dem Billettmünzautomaten durch. Und ich? Ich gebe. Meistens. Und wenn ich nicht gebe, denke ich eine Stunde darüber nach, ob ich hätte geben sollen. Es ist ja schliesslich kalt. Und ich habe mir grad ein paar tolle Stiefel gekauft.
«Da liegt ja wohl ein bisschen Münz für die Notschlafstelle drin», denke ich auch diesmal und schaue dem Typ nachdenklich hinterher. Oder besser gesagt, hinterdenklich nach. Denn noch während ich mir seine Höllenqualen des Nachts auf dem Pappkarton vorstelle, sehe ich (mit staunend geöffnetem Mund – sah wohl doof aus), wie er mit dem Geld den Selecta-Automaten füttert. Cola! Ausgerechnet Cola. Eine überteuerte Kleinflasche. Aus dem Automaten. Nicht irgendein Migros-Budgetdings, wie das angemessen gewesen wäre. Oder wie ich Minidiktatorin das wohl angemessen fand? Es war mein Geld. Ich habs ihm gegeben. Jetzt ist es seins. Punkt. Bin ja schliesslich keine Grosskapitalistin.
Ich beobachte die umstehenden wartenden Nichtalmosengeber. Wenn der Bettlerkelch für einmal nicht an ihnen vorbeizieht, haben sie sich fixe Strategien zurechtgelegt.
Die da wären:
Ignorieren: Essen, rauchen, telefonieren, angestrengte Unterhaltung, auf den Boden oder in den Himmel blicken, mit den Kindern schimpfen.
Belehren: «Such dir einen Job!», «Geh zur Drogenberatungsstelle!», «Geld kriegst du keins, aber du kannst meine angebissene Bratwurst haben.», «Du könntest doch Surprise verkaufen oder mit Hunden spazieren gehen.»
Vorzeigenett (ich): «Hier, Geld, aber…»
Leistungsorientiert: «Affe mach mal, dann geb ich dir.»
Belohnen für ansprechende Darbietungen: Erkennen der Melodie oder witzige Anfrage: «Hallo, meine Name ist Ugo und mir fehlt noch H».
So oder so. Die Sache ist für beide entwürdigend. Ich persönlich habe für mich festgelegt, Münzen, die sich aus Faulheitsgründen in der Hosentasche und nicht im Portemonnaie befinden, an die Strasse weiterzugeben. Und wenn ich einmal kein Geld im Hosensack habe, sage ich freundlich, aber bestimmt Nein. Denn auf eine anständig gestellte Frage hat jeder und jede eine anständige Antwort verdient. Und das gilt nicht nur für Bettler.



